Was kann eigentlich schlecht daran sein, liebevoll und so gut es geht Kinder in die Welt zu setzen und sie durch diese zu begleiten?

Im Vorfeld einer von uns organisierten Pressekonferenz

Robert Malzahn, Produzent von „Zwei Mütter hat nicht jeder“, im Gespräch mit Ralph Förg*


Ralph Förg: „Zwei Mütter hat nicht jeder“ ist der erste Teil der Langzeitdokumentation „Zwei Mütter, drei Söhne“ für‘s Kino. Wie kam es dazu?

Robert Malzahn: Als vor über fünf Jahren Annette Ernst mit der Idee auf Sebastian Popp und mich zukam, einen Film über zwei lesbische Mütter zu machen, fanden wir das gleich ein sehr spannendes Projekt. Als kleine Produktion, die sowohl Spiel- als auch Dokumentarfilme herstellt, suchen wir uns die Projekte, mit denen wir uns beschäftigen, immer sehr genau aus. Das muss viel zusammen passen, weil man oft über Jahre zusammenarbeitet.

R.F.: Nach welchen Kriterien geschieht das?

R.M.:  Es gibt da keine festen Regeln. Das wichtigste ist immer die Geschichte, die Idee und auf welche Art das Thema erzählt werden soll. Am Anfang des Prozesses ist das manchmal nicht mehr als eine Vision. Dann: wer ist die Frau, der Mann, der es realisieren will? Bei dem „Mütterfilm“ von Annette, deren Debüt „kiss & run“ wir vor einigen Jahren produziert haben, macht eine ausgezeichnete und mittlerweile sehr erfahrene Spielfilmregisseurin einen Film über ein nach unserer Auffassung hochaktuelles Thema. Was ist heute eigentlich Familie und vor allem, wie „normal“ sind oder besser werden heute zwei Mütter mit ihren drei Söhnen von der Gesellschaft betrachtet, und nicht zuletzt: bewertet? Oder anders: was kann eigentlich schlecht daran sein, liebevoll und „so gut es eben geht“ Kinder in die Welt zu setzen und sie durch diese zu begleiten? Trotzdem gehen in Frankreich doch tatsächlich heutzutage Tausende gegen eine Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften im weitesten Sinne auf die Straße. Ich dachte, ich höre nicht richtig.

R.F.: Was – wenn überhaupt – ist anders, wenn eine Spielfilmregisseurin einen Dokumentarfilm macht?

R.M.: Vielleicht die Art und Weise Bilder zu machen? Da wir ja keine Reportagen oder Aktuelles produzieren, geht es uns immer auch um die individuelle Handschrift der Regie, die jeweilige Art, einen Teil der Welt dokumentarisch zu fotografieren. Kamerafrau Nina Werth und Annette haben tolle Bilder gemacht, um das Universum unserer Familie zu beschreiben. Das Verhältnis von Distanz und Nähe gefällt mir sehr. Mit Martin Hoffmann hatten wir einen erfahrenen Dok-Film-Cutter, der glänzend mit dem der großen Menge an Material umgehen konnte. Und natürlich auch diese schönen wundervollen Tierbilder beim Zoo-Ausflug, bei denen ich kurz dachte - letztlich: das einzige, was ökonomisch wirklich gut läuft im Dokumentarfilmgeschäft sind Tierfilme. Davon am besten die Bärenfilme, vor allem Pandas… (lacht).

Und sie sind vielleicht etwas straffer strukturiert, die Spielfilmer. Aus unterschiedlichsten Gründen hatten wir eine ziemlich knappe Endfertigung vor dem Sendetermin der WDR-Fassung. Da ist eine extrem enge und präzise Dauerabstimmung, genau wie eine 24-Stundenbereitschaft, total hilfreich, ja sogar nötig. Das kennen die.
Und dann kommt man als Produzent in so einer Konstellation auch schon mal an den Punkt, wo bestimmte Ideen im Budget eines Dokumentarfilmes einfach nicht darstellbar sind.

R.F.: Was ist das zum Beispiel?

R.M.: Ach, das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Bei unserem letzten Dokumentarfilm, „United States of Hoodoo“ von Oliver Hardt, der in den USA gedreht wurde, hätten alle Beteiligten gerne mehr Zeit vor Ort gehabt, während just der Euro schwächelte. Da gibt es dann schnell Grenzen des Möglichen mit einem üblichen Dokumentarfilm-Budget. Und jetzt bei den „Müttern“? Na, mal unabhängig davon, ob es realistisch wäre, alle wichtigen Leute regelmäßig zusammen zu bekommen. Klar wäre es spannend, wir würden es schaffen, z.B. alle 3-4 Monate die Familie für ein paar Tage mit der Kamera zu beobachten.

R.F.: Wie geht das überhaupt, einen Dokumentarfilm über zehn Jahre zu finanzieren?

R. M.: Eigentlich überhaupt nicht, wie wir jetzt wissen. Dass es nicht einfach werden würde, war uns klar. Aber wir waren dann ehrlicher Weise doch überrascht, „das gibt es nicht, dass kann ja auch nicht funktionieren, rein haushaltstechnisch, wir wissen auch nicht, ob es den Sendeplatz in fünf Jahren überhaupt noch gibt“, kam es aus den Sendern. So kann man gut die ersten Jahre zusammenfassen. Ohne das große Engagement, also durch finanziellen Verzicht vieler Beteiligter hätten wir überhaupt nicht beginnen können. Durch eine Anschub-Finanzierung durch die Hessische Filmförderung konnten wir eine Art kurzen „Mood-Film“ umsetzen, der die Protagonisten und ihre Geschichte vorstellt, mit dem wir dann auch die WDR-Redakteurin Ulrike Schweitzer überzeugen konnten, mit uns eine Art „ersten Teil“  des Films für die erfolgreich Reihe „Menschen Hautnah“ zu machen.

Mit dem Geld der Hessischen Filmförderung werden wir noch ein paar Drehtage bis ins Jahr 2015 finanzieren können. Aber natürlich sind wir auch längst dabei, die nächsten Schritte vorzubereiten und die Finanzierung für den Langfilm zu strukturieren. Und dann, was ja neben vielem anderen auch das spannende an einem so lange laufenden Projekt ist, kommen einem von uns auch mal neue Ideen – oder das Leben schreibt am Drehbuch mit, dann kann sich auch mal ein Fokus ein wenig verschieben. Nicht erst seit den Demonstrationen in Frankreich diskutieren wir immer einmal wieder mit Annette, ob der Film vielleicht eine europäische Dimension haben sollte.  Ja, und dann wissen wir ja auch seit diesem Jahr, dass unsere Familie insgesamt größer ist, als zunächst erwartet. Das wird sicherlich den Film um eine weitere spannende Geschichte bereichern.

R.F.:  Kommt der zweite Teil dann im Hessischen Rundfunk?

R.M.: Ja, das wäre mal schön. Aber im Ernst, das wissen wir noch nicht. Natürlich wäre es ökonomischer, wir könnten uns in den nächsten fünf Jahren allein auf das Fernziel, eines 90-Minüters für das Kino konzentrieren. Weil natürlich hat jeder Sender mehr oder weniger feste Vorgaben für einen bestimmten Sendeplatz, dem definierten Format und eines oft nicht leicht zu fassenden Zuschauers. Solche Vorgaben sind manchmal nicht wirklich kompatibel mit den Filmen und den Ideen unserer Regisseure. Da wäre die Finanzierung durch die klassische Filmförderung sicherlich mit größerer künstlerischer Freiheit verbunden und für uns effizienter. Wir haben natürlich auch schon darüber nachgedacht, ob Crowd-Funding ein Baustein der Finanzierung seinen könnte. Aber wir glauben, dass dies ehrlicherweise am Ende wohl in der Regel ein mühsames Unterfangen mit unsicherem Ausgang ist, dafür aber sehr arbeitsintensiv. Als Teil des Marketings oder eines sogenannten Audience-Buildings mag es aber durchaus sinnvoll sein. Aber ohne eine „Stromberg-Community“ im Rücken ist das kein Modell für einen Dokumentarfilm fürs Kino, würde ich sagen. Wie die meisten in der Branche hätten wir am liebsten eine mäzenatische Gönnerin im Hintergrund, die wie alle an unserem Projekt „Zwei Mütter“ Beteiligten einfach sagt: das will ich machen, das will ich im Kino sehen und bin bereit, dafür auch meinen Teil beizutragen…

(*Das Gespräch führte Ralph Förg, Geschäftsführer Filmhaus Frankfurt und Herausgeber der Zeitschrift GRIP www.filmhaus-frankfurt.de/Publikationen/GRIP-Archiv)